Virtuelle Turmbesichtigung

Eine Besichtigung des Turms der Martinskirche ist nicht möglich. Der Zugang genügt nicht den heutigen Standards der Verkehrssicherheit. Damit verbundene mögliche Haftungsfragen haben die Kirchenverwaltung dazu bewogen, auf die Öffnung des Turms für die Öffentlichkeit zu verzichten.
Es ist natürlich kein vollwertiger Ersatz, aber wir laden hier herzlich zu einer virtuellen Besichtigung des Turms ein.

Höchster Backsteinturm der Welt

Wahrzeichen Landshuts

Im Jahr 1500 nach Christus wurde das Kreuz auf die Spitze des Martinsturms gesetzt. Er erreicht damit genau 130,08 m. In alten Schulbüchern ist noch die Rede von 133 m, bis zur jüngsten Vermessung 2015 galt die Höhe von 131 m. Natürlich ist der Turm nicht geschrumpft. Die Differenz kommt wohl daher, was man jeweils als Fußpunkt angesetzt hat. Die Wölbung im Pflaster der Altstadt war früher auch anders.

Blick über die Stadt

Carossa ermutigt zum Träumen

Vom Turm aus hat man einen traumhaften Blick auf Landshut und die Umgebung. Berühmt ist der literarische Text, in dem Hans Carossa seinen Aufstieg im Jahr 1897, am Tag nach seiner Abiturfeier, schildert. Dort verteidigt er gegen alles Nützlichkeitsdenken und alle Emsigkeit im Unmittelbaren den Sinn der zeitübergreifenden Bildung und das freie Spiel hoher Gedanken. Als Beleg dafür dient ihm direkt die Martinskirche: "Nimm den Traum aus den Gezeiten, und nie wuchs dieser Dom."

Turmhelm mit Fialenkränzen

Zwei Kronen aus Stein

Der Turmhelm ist wie der ganze Turm aus Ziegeln gemauert, aber mit Kupfer umkleidet. Er würde – ein Beispiel für die wunderbaren Proportionen der Martinskirche – mit seinen 30 m Höhe (ohne Kreuz) genau ins Kirchenschiff passen. Sein Schmuck sind die beiden steinernen Fialenkränze. Stark der Witterung ausgesetzt, mussten sie seit dem Mittelalter mindestens einmal komplett erneuert werden. Einige Originalsteine, einige zu einem eigenen Fialentürmchen zusammengesetzt, findet der Spaziergänger im Hofgarten.

Balustrade auf 97m

Warnung an potentielle Selbstmörder

Wenn man nach 495 Stufen in 97 m Höhe über dem Erdboden auf die Balustrade am unteren Fialenkranz heraus tritt, sieht man über dem Türsturz einen Totenkopf und eine schwer zu entziffernde Inschrift:  "Ich sag niemats sterbe frey." Man darf das als Warnung an Lebensmüde lesen:  Niemand steht es frei, sich das Leben zu nehmen. Darüber, wie viele Menschen unfreiwillig beim Bau oder bei späteren Restaurierungen des Turms gestorben sind, gibt es keine Zahlen. An zwei Unfälle erinnern Gedenktafeln außen am Fuß des Turms.

Fürsten der Lüfte

Nistplatz für ein Pärchen Wanderfalken

Die Lufthoheit um den Martinsturm herum haben seit einigen Jahren die Wanderfalken. Die Stadt Landshut hat als Untere Naturschutzbehörde im obersten Geschoß des Turms einen Nistkasten für Falken eingerichtet. Ein Pärchen, dessen gellende Schreie die Anwohner gut kennen, hat ihn gern in Beschlag genommen. Was man davon sehen kann, sind nicht nur abgenagte Taubenknochen auf dem Boden rings um den Turm, sondern über eine Live-Webcam auch direkt das Geschehen am Nistplatz, Brut und Fütterung.

Türmerstube mit Kachelofen

Ausschau nach Feinden und Feuern

Recht gemütlich wirkt die Türmerstube, eingerichtet mit Kachelofen, Tisch, Bank, Bettstatt – aber nur auf den ersten Blick. Irgendwann merkt man, dass eine Toilette fehlt. Und natürlich ist auch der Ofen außer Betrieb.  Früher war es offenbar von Interesse für die Stadt, dort einen Wächter zu haben, der zeitig warnt, wenn sich feindliche Truppen der Stadt nähern oder irgendwo ein Feuer ausgebrochen ist.

Glocken von St. Martin

Zeitansage und ruf zum Gebet

Zwölf Glocken umfasst das Geläut von St. Martin. Davon hängen neun Glocken in der Glockenstube des Turms, darunter die drei größten aus dem Jahr 1666/67. Die größte Glocke, die "Propstglocke", wiegt über 7,5 Tonnen. Sie wird für den Stundenschlag verwendet und läutet nur zu Hochfesten, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam usw. Und zur Firmung. Die findet manchmal an einem gewöhnlichen Werktag statt. Dann rufen Leute im Pfarrbüro an und fragen nach, ob etwas passiert ist. Denn außerdem läutet die Propstglocke, wenn der Papst, der Bischof oder der Stiftspropst stirbt.

Turmuhren

Das aktuelle und das letzte Stündlein

Heute, wo jeder seine Armbanduhr und sein Handy hat, braucht es eigentlich keine Turmuhr und keinen Stundenschlag vom Kirchturm aus, um zu wissen, wie spät es ist. Und doch ist es vielen eine liebe Gewohnheit, kurz aufzublicken zur Turmuhr oder nebenbei hinzuhören, was es schlägt. Es würde etwas fehlen in der Stadt, wenn es das nicht gäbe. Das merkte man an vielen Reaktionen, als vor einigen Jahren mal ein Blitzeinschlag die Glocken lahm legte, und sich beim Sturm am Karfreitag 2016 die Zeiger einer Uhr so ineinander verkeilten hatten, dass sie zu einer langwierigen Reparatur und zur Neuvergoldung abgenommen werden mussten.  Wenn die Kirche einem die Zeit ansagt, denkt man auch immer an den Übergang in die Ewigkeit.

1,86 Mio Ziegelsteine

Daueraufgabe des Kirchenrestaurierungsvereins

So viele Ziegelsteine, sagen uns die Bauphysiker, wurden im Turm verbaut.  Ohne Fundamente kommt der Turm also auf ein Gewicht von ca. 18.000 Tonnen. Wo der Grundriss aus dem Quadrat ins Achteck übergeht, sind die Mauern noch über 2 m dick. Unten am Fuß sind es 3,3 m. Wind und Wetter, Temperaturschwankungen und die feinen Wurzeln von Moosen und kleinen Pflänzchen setzen dem Mauerwerk zu. Es bedarf ständig einer wachsamen Überprüfung, damit keine Passanten gefährdet werden, und immer wieder kleinerer und größerer Sanierungsmaßnahmen. Bei der Finanzierung hilft der 1852 gegründete Kirchenrestaurierungsverein St. Martin. Wir freuen uns über jede Spende für das Bauwerk und jede Mitgliedschaft im Verein. Nähere Informationen im Pfarrbüro.

Zwei Treträder

Lastenaufzüge im Inneren des Turm

Etwa in der Höhe des Dachfirsts befindet sich das untere Tretrad. Ungefähr sechs Menschen waren dazu abgestellt, auf präzise Kommandos hin darin zu Laufen. Das war der Lastenaufzug in der Bauzeit des Turms. Ein zweites Tretrad ist noch im obersten Geschoß an Ort und Stelle erhalten.  Die hölzernen Einbauten des Turms lassen die Mitte frei, durch die das Baumaterial und zuletzt die Glocken in die Höhe gezogen wurden.

Sonnenuhren in jeder Richtung

Und an der Nordseite?

Nach drei Himmelsrichtungen hin hat der Turm eine Sonnenuhr. Die Berechnung, wie der Stab laufen muss, damit die Zeit korrekt abgelesen hat, ist dabei nach Osten und Westen ziemlich kompliziert, aber die Sonnenuhren funktionieren. Nur, was macht man auf der Nordseite, wo keine Sonne hinscheint? Dort hat man auch ein großes Ziffernblatt aufgemalt, aber dann eine Mondphasenuhr eingebaut. Eine Kugel, halb vergoldet, halb blau angemalt, dreht sich einmal im Monat um ihre Achse und zeigt an, ob gerade Vollmond, Halbmond oder Neumond ist.

Kulisse für die Landshuter Hochzeit

1475 erst halb fertig

für die "Landshuter Hochzeit" alle vier Jahre bildet der Turm eine grandiose Kulisse. Er ist als Wahrzeichen der Stadt aus Landshut nicht weg zu denken. Seine Silhouette ziert auch viele Logos und Werbematerialien von Geschäften und Institutionen in Landshut. Aber bei der mittelalterlichen Hochzeit Herzog Georgs und der polnischen Prinzessin Jadwiga 1475 war der Turm noch gar nicht fertig. In den Ratschroniken der Stadt findet sich aus dem Jahr 1446 die Angabe, der Turm sei "über die Schreckh" gewachsen (mit "Schräge" ist wohl der Dachansatz gemeint). Bei der Landshuter Hochzeit könnte er etwa beim Dachfirst angelangt gewesen sein. Man durfte auch nicht zu schnell aufmauern, weil der Kalkmörtel lange Zeit zum Abbinden braucht und erst dann vollen Halt gibt.

Hauptportal

Bahn frei für den ganz großen Einzug

in seinen Dimensionen dem gigantischen Turm ebenbürtig ist das Hauptportal. Was für ein Aufwand an Vorsprüngen, Rücksprüngen, Verzierungen, Figuren, um den Eingang in die Kirche zu markieren! Im gotischen Laubwerk verstecken sich zwei kleine Äffchen. Geöffnet wird das Hauptportal für den Einzug und den Auszug des liturgischen Dienstes bei ganz großen Gottesdiensten. Manchmal bietet sich auch ein sonniger Sommersonntag an, um die Kirche nach dieser Seite hin offen zu halten. Es soll schon etwas Besonderes sein, durch dieses Portal zu schreiten. Deshalb ist es nicht regelmäßig offen.

Fundamente

Tragende Funktion im Untergrund

Unsichtbar in den Untergrund hinein reichen die Fundamente des Turms. Ihre Tragfähigkeit bildete von Anfang an die Grenze für das Bauen in die Höhe. Aber es ist offenbar gelungen. Man verdichtete den unsicheren feuchten Boden aus dem Lehm, Sand und Kies des Isarbetts, indem man etwa 1,5 m lange Tannenpfähle möglichst dicht aneinander in den Untergrund rammte. Auf dieser Bürste stand über Jahrhunderte der Martinsturm – bis man nach dem Krieg erschrocken feststellte, dass durch die Schwankungen des Grundwasserspiegels in der jüngeren Zeit das Holz marode geworden war. In einer aufwändigen Sanierung bekam der Turm in den 70er Jahren ein neues Fundament aus Beton. Möge es lange halten!